Gesundheit von Kindern schützen

27. Januar 2015  Allgemein, Kindergesundheit

Soziale Ungleichheit führt zu gesundheitlicher Ungleichheit. Das ist kein Automatismus, aber der Zusammenhang zwischen Armut und schlechterem Gesundheitszustand wird vielfach festgestellt. Ein schlechterer Gesundheitszustand und eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung wird bereits durch Verhaltensmuster im Kindesalter beeinflusst. Studienergebnisse zeigen, dass neben dem Einkommen u. a. auch der Bildungsgrad der Eltern, die familiäre Lebensform, das Familienklima ebenso wie ein Migrationshintergrund erheblichen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder besitzen. Ein gesundheitsförderndes Lebensumfeld, ein unterstützendes Netz sozialer Beziehungen, gesundheitsfördernde Verhaltensweisen und frei zu sein von finanziellen Sorgen sind förderliche gesundheitliche Einflussfaktoren. Diese gilt es zu stärken. Negative Risikofaktoren wie eine geringere Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen oder die Nichtmitgliedschaft in Sportvereinen gilt es zurückzudrängen. Jedes Kind muss unabhängig vom Einkommen der Eltern einen bedarfsgerechten Zugang zur medizinischen Versorgung haben.

Öffentlicher Gesundheitsdienst

Neben den obligatorischen Einschulungsuntersuchungen sind auch schulärztliche Untersuchungen in der 4. bzw. 8. Jahrgangsstufe vorgeschrieben. In der Praxis wird jedoch nur ein Bruchteil der Untersuchungen durchgeführt. In einigen Landkreisen werden nur knapp über 10 Prozent der Schüler untersucht. Auch bei den vorgeschriebenen zahnärztlichen Untersuchungen werden nicht alle, im Falle Nordwestmecklenburgs nur 3 Prozent der Kinder untersucht.

Die abnehmende Inanspruchnahme der ärztlichen Untersuchungen ist der Überlastung des öffentlichen Gesundheitsdienstes geschuldet. Die Gesundheitsämter leiden seit Jahren unter Personalproblemen. Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst verdienen deutlich weniger als bei vergleichbarer Position in Krankenhäusern, weswegen die Nachbesetzung von Amtsärzten zum Problem gerät.

Die Berichterstattung über die Kinder- und Jugendgesundheit im Land weist einen Besorgnis erregenden Trend auf. Der Anteil der Kinder mit Übergewicht bzw. Adipositas liegt zum Zeitpunkt der Einschulung seit Jahren um die 12 bzw. fünf Prozent. Mit jedem Schuljahr, steigt trotz Schülerverpflegung und Sportunterricht der Anteil der übergewichtigen und krankhaft fettleibigen Kinder. In der vierten Klasse sind 20 Prozent übergewichtig und acht Prozent adipös. In der achten Klasse sind es knapp 22 bzw. über 10 Prozent. Das ist eine Verdopplung der Werte von vor der Einschulung.

Bundesweit steigt die Zahl der Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Barmer GEK hält für Mecklenburg-Vorpommern in den Jahren zwischen 2006 und 2011 eine Steigerung von 35 Prozent fest. Amtliche Zahlen zur Verbreitung von Auffälligkeiten im psychosozialen Bereich werden nicht erfasst.

Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, dass das Land mehr Verantwortung für die Dokumentation des Gesundheitszustandes der Kinder und Jugendlichen übernimmt und für eine sachgerechte Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sorgt.

Vorsorgeuntersuchungen

Positiv ist die Entwicklung, dass die Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche mit der Einführung von schriftlichen Erinnerungen, die an die Eltern versandt werden, gestiegen ist. Dieses gute Erinnerungssystem gilt es beizubehalten. Mit zunehmendem Lebensalter verringert sich jedoch die Teilnahmequote beträchtlich. Der Verzicht auf dieses kostenlose Angebot kann im Einzelfall dazu führen, dass dringend gebotene Behandlungen oder Präventionsmaßnahmen unterbleiben. Gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien nutzen deutlich weniger das Angebot der Vorsorgeuntersuchungen. Hier sind weitere Anstrengungen notwendig, um die Quote der Kinder und Jugendlichen, die an den Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen zu erhöhen.

Auch im Hinblick auf die Zahngesundheit, gelingt es nicht alle medizinischen Behandlungsfälle rechtzeitig zu erfassen. Dies ist der Fall, weil Eltern ihre Kinder zu spät beim Zahnarzt vorstellen. Dabei ist es wichtig Zahnprophylaxe ab dem ersten Zahn zu betreiben. Schäden im Milchgebiss können nachhaltige Schäden für das Erwachsenengebiss nach sich ziehen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitsdienst können nicht sicherstellen, dass alle Eltern die notwendigen Arzt- und Zahnarztbehandlungen in Anspruch nehmen. Deswegen verschlechtert sich bei einem Teil der Kinder die Zahngesundheit.

Gegenwärtig laufen die Vorsorgeuntersuchungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der durch niedergelassene Ärzte durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen parallel. Angesichts der Tatsache, dass in der Praxis nur noch ein Bruchteil der gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst durchgeführt wird, ist eine Harmonisierung mit den durch niedergelassenen Ärzten durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen zu erreichen. Doppeluntersuchungen sind ebenso wie ausgefallene Vorsorgeuntersuchungen zu vermeiden. Ziel muss es bleiben, dass alle Kinder und Jugendlichen vom ersten bis zum 18. Lebensjahr regelmäßig gesundheitlich und zahnmedizinisch untersucht und gesundheitsfördernde Empfehlungen an die Kinder und deren Eltern ausgesprochen werden.

Maßnahmen

  • Die Kinder- und Jugendgesundheitsziele sind, unter Einbeziehung der Auffälligkeiten im psychosozialen Verhalten zu überarbeiten.
  • Die Landesregierung muss alle fünf Jahre einen Kinder- und Jugendgesundheitsbericht erstellen, der Maßnahmen enthält um Gesundheitsrisiken entgegen zu wirken.
  • Das Land muss Verantwortung für die Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes übernehmen und für die Wahrnehmung dieser Aufgaben eine sachgerechte Ausstattung der Kommunen sicherstellen.
  • Um Mediziner für den Öffentlichen Gesundheitsdienst zu gewinnen, muss entsprechender Einfluss auf die Ausbildung genommen werden. Der öffentliche Gesundheitsdienst kann durch seine geregelte Arbeitszeiten ohne Nacht- oder Schichtdiensten für Mediziner in bestimmten Lebensphasen attraktiv sein.
  • Die parallelen Vorsorgesysteme des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der durch niedergelassene Ärzte durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen sind zu harmonisieren. Doppeluntersuchungen sind ebenso wie ausgefallene Vorsorgeuntersuchungen zu vermeiden. Ziel muss es bleiben, dass alle Kinder und Jugendlichen vom ersten bis zum 18. Lebensjahr regelmäßig gesundheitlich und zahnmedizinisch untersucht und gesundheitsfördernde Empfehlungen an die Kinder und deren Eltern ausgesprochen werden.
  • Das verbindliche Erinnerungsverfahren bei den Vorsorgeuntersuchungen von Kindern und Jugendlichen muss auf die J1 ausgedehnt werden.
  • Mit den Krankenkassen ist auf Verhandlungswege eine Kostenerstattung für die Vorsorgeuntersuchungen U10, U11 und J2 zu vereinbaren, um dann in einem zweiten Schritt verbindliche Erinnerungsverfahren auf die Vorsorgeuntersuchungen U10, U11 und J2 auszudehnen.
  • Zahnmedizinische Untersuchungen sind in das System des verbindlichen Erinnerungsverfahrens einzubeziehen.

 

 


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